„Nicht Masse, sondern Klasse“ –
Frank Thies über den Schweizer Markt
Von 5 Nmm in der Uhrenindustrie bis 120 Nm im Schienenfahrzeugbau: Der Schweizer Markt stellt außergewöhnlich vielfältige Anforderungen an die Verbindungstechnik. Gleichzeitig steigen die Erwartungen an Prozessüberwachung, Digitalisierung und Qualität.
Einer, der diesen Markt aus nächster Nähe kennt, ist Frank Thies. Bei HST startete er im Business Development und Marketing. Anschließend übernahm er als Sales Manager die Verantwortung für den Schweizer Markt. Heute betreut er die Schweiz weiterhin im Vertrieb und übernimmt zusätzlich als Distributor Manager D-A-CH Verantwortung für die Zusammenarbeit mit den Vertriebspartnern in Deutschland, Österreich und der Schweiz.
Seit mehr als zwölf Jahren arbeitet Frank in der Schweiz und kennt HST bereits seit über acht Jahren aus der Zusammenarbeit. Im Interview spricht er über die Branchen mit besonderem Potenzial, den wachsenden Stellenwert von Messtechnik und darüber, warum HST gerade bei anspruchsvollen Anwendungen seine Stärken ausspielen kann.
Frank, welche Branchen sind für HST in der Schweiz aktuell besonders spannend?
Sicherlich die Schienenfahrzeugindustrie. Trotz der überschaubaren Größe der Schweiz haben wir hier eine hohe Dichte an Schienenfahrzeugherstellern, Bahnbetreibern und Instandsetzungsbetrieben. Sowohl OEMs als auch MRO-Betriebe stellen deutlich höhere Anforderungen an die Überwachung ihrer Montage- und Verbindungsprozesse. Treiber sind die Digitalisierung, aber auch normative Veränderungen.
Eine besondere Herausforderung liegt in der Überwachung und Datenintegration bei höheren Drehmomenten bis 120 Nm, die sicher und ergonomisch mit einem handgehaltenen Werkzeug bearbeitet werden müssen.
Am anderen Ende des Drehmomentspektrums stehen Mikroelektronik, Medizintechnik und natürlich die Uhrenindustrie. Dort sprechen wir teilweise von Drehmomenten ab 5 Nmm, die wiederholgenau und dokumentierbar verschraubt und gemessen werden sollen. Mit unseren sensorgesteuerten Minimal Torque Systems sind wir für solche speziellen Prozesse sehr gut aufgestellt.
Gleichzeitig profitieren wir im Schweizer Markt stark von unserer Erfahrung aus unseren internationalen Fokusbranchen. Unsere jahrzehntelange Zusammenarbeit mit namhaften Herstellern aus der Luft- und Raumfahrt schafft eine sehr gute Basis für anspruchsvolle Anwendungen. Know-how aus Automotive und Off-Road lässt sich wiederum auf Integrationsprojekte im Schienenfahrzeugsegment sowie bei Nutz- und Agrarfahrzeugen übertragen.
Genau dieser Wissenstransfer zwischen Branchen und Märkten ist für uns ein großer Vorteil.
Welche Trends beeinflussen derzeit die Investitionsentscheidungen?
Trotz der angespannten wirtschaftlichen Lage investieren viele Schweizer Unternehmen in die Zukunft. Besonders interessant ist, dass unsere hochpräzisen Lösungen für die Messung von Drehmoment, Drehwinkel und Kraft aktuell stark im Kundenfokus stehen.
Immer mehr Anwender erkennen, wie wichtig es ist, den eigenen Prozess wirklich zu verstehen. Wer einen Schraubfall genau analysieren kann, trifft fundiertere Entscheidungen bei der Auswahl der Schraubtechnik. Gleichzeitig lassen sich bei Unstimmigkeiten in der Linie schnell eigene Analysen durchführen, anstatt auf eine aufwendige externe Schraubfallanalyse zurückgreifen zu müssen.
Hier unterstützen wir nicht nur mit Messtechnik, sondern auch mit dem Hintergrundwissen aus 40 Jahren Schraubtechnik und unserer Erfahrung mit aktuellen Richtlinien.
Was muss moderne Schraubtechnik heute können?
Vor wenigen Jahren musste ein Werkzeug vor allem eines: exakt verschrauben. Heute liegen die Anforderungen deutlich höher.
Werkzeuge müssen sich einfach in vorhandene Leitsysteme oder Workerguidance-Lösungen integrieren lassen und möglichst die Standardschnittstellen der Industrie bedienen. Damit müssen wir als Schraubtechniklieferant zunehmend auch ein kompetenter Ansprechpartner für die IT-Abteilungen unserer Kunden sein.
Gleichzeitig werden die Schraubverbindungen selbst anspruchsvoller. Mix-Material-Designs, kleinere Bauteile und Verbindungselemente oder Reibwertschwankungen erhöhen das Fehlerpotenzial. Gerade bei KMU wird deshalb immer mehr Wert auf Fehlererkennung und -vermeidung vor und während der Montage gelegt. Auch die Analyse vor dem Serienanlauf wird zunehmend zur Regel statt zur Ausnahme.
Wo macht HST für Schweizer Kunden den Unterschied?
Challenge the status quo beschreibt unseren Ansatz ziemlich gut. Wir sind Hersteller, verstehen uns aber vor allem als Lösungsgeber und Optimierer beim Kunden. Unser Ziel ist es, den Gesamtprozess stabiler, qualitativ besser und am Ende auch wirtschaftlicher zu machen.
Unsere Stärke liegt besonders dort, wo die Anforderungen an Werkzeug, Messmittel und Prozess hoch sind. Das reicht von Messtechnik für Prüfung und Analyse über sensorgesteuerte Low-Torque-Systeme ab 5 Nmm bis zu unseren handgehaltenen Akku-EC-Werkzeugen.
Dazu kommen Lösungen, die man nicht überall am Markt findet: beispielsweise unser SOP-Schrauber mit mechanischer Abschaltkupplung und Drehmomentsensor, der EC2 mit technisch redundanten Messwertgebern oder der µTDH für Anwendungen von 5 bis 80 Nmm. Auch Sonderlösungen und Sonderabtriebe spielen eine wichtige Rolle – gerade dann, wenn der Kunde mit einem Standardwerkzeug schlicht nicht an die Verbindung herankommt.
Vereinfacht gesagt: Schrauben kann jeder – aber nicht immer optimal ergonomisch, technisch, normativ und wirtschaftlich. Genau dort wollen wir der richtige Ansprechpartner sein.
Welche Rolle spielt die Nähe zum Schweizer Kunden?
Eine sehr große. Eine Besonderheit des Schweizer Marktes ist der grenzüberschreitende Warenverkehr. Sobald Werkzeuge gewartet, repariert oder geprüft werden müssen, können zusätzlicher Aufwand und längere Ausfallzeiten entstehen.
Hier haben wir einen Vorteil: HST sitzt nur wenige Minuten von Basel entfernt und wir arbeiten mit zwei lizenzierten Fachhändlern vor Ort zusammen. Sie können unter anderem Messmittel kalibrieren und viele unserer Werkzeuge entsprechenden Maschinenfähigkeitsuntersuchungen unterziehen.
Gleichzeitig profitieren unsere Kunden davon, dass wir weltweit aktiv sind. Mit eigenem Personal und lokalen Partnern erkennen wir Entwicklungen in unterschiedlichen Märkten und können diese Erfahrungen weitergeben.
Irgendwo gibt es meist eine Herausforderung, die bereits an anderer Stelle gelöst wurde.
Für mich ist genau das einer der großen Vorteile unserer internationalen Aufstellung: Wir bringen globale Projekterfahrung mit lokaler Kundennähe zusammen.
Du arbeitest seit vielen Jahren mit HST. Welche Erfahrung ist dir besonders in Erinnerung geblieben?
Ein großer Erfolg war für mich sicherlich der Relaunch der HST Group und die Integration der n-gineric GmbH. Gerade aus Marketing-Sicht haben wir uns in kurzer Zeit enorm weiterentwickelt. Marketing ist heute viel stärker in strategische Prozesse eingebunden, unsere Außenwahrnehmung ist deutlich gestiegen und über Messen und Social Media erreichen wir kontinuierlich neue Interessenten.
Mein bleibendster Eindruck von HST liegt allerdings noch weiter zurück – und entstand zu einer Zeit, als ich selbst noch gar nicht Teil des Unternehmens war.
Damals hatte ich bei einem für mich sehr wichtigen Kunden eine Herausforderung, die ich mit meinem damaligen Portfolio und Know-how nicht lösen konnte.
Ich wusste von HST in Efringen-Kirchen, hatte aber noch keinen konkreten Kontakt. Also habe ich den damaligen und heutigen Geschäftsführer angesprochen und gefragt, ob er mich zum Kunden begleitet und vielleicht eine Lösung bieten kann.
Er kam, beriet den Kunden und hielt sein Versprechen, das Problem kurzfristig zu lösen. Mein Kunde war zufrieden und wurde anschließend selbst HST-Kunde. Heute sind dort nahezu alle technischen Lösungen von HST in den Linien vertreten – perspektivisch auch international.
Für mich zeigt diese Geschichte sehr gut das Wesen der HST Group: Wir sind ein Team, inhabergeführt, haben kurze Entscheidungswege und technikbegeisterte Entscheider, die auch selbst beim Kunden stehen.
Nach mehr als zwölf Jahren Arbeiten und Leben in der Schweiz sehe ich langfristig großes Potenzial für HST – gerade weil wir nicht für Masse, sondern für Klasse stehen wollen.
Die Schweiz ist stark von spezialisierten Unternehmen und KMU geprägt. Gleichzeitig finden wir hier Anwendungen aus ganz unterschiedlichen Branchen: von Aerospace und Automotive über Schienenfahrzeuge und Agrartechnik bis hin zu Medizintechnik und Uhrenindustrie. Überall dort, wo Qualität, Rentabilität und Sicherheit hohe Anforderungen an den Prozess stellen, sehe ich Chancen für uns.